Kritische Tiermedizin Dr.Dirk Schrader

http://www.kritische-tiermedizin.de/2012/Die_Sache_mit_der_Wurmkur.html

Von Ralph Rückert, Tierarzt, und Johanne Bernick, Tierärztin

 

In einer Facebook-Gruppe, die sich mit juristischen Fragestellungen rund um Tiere beschäftigt, wurde dieser Tage die Frage gestellt, wie ein ungewollter, aus einer versehentlichen Verpaarung von Rassehund-Halbgeschwistern entstandener Wurf zu bewerten ist. Die Threaderstellerin erwähnt unter anderem, dass der behandelnde Tierarzt zum Austragen des Wurfes geraten habe, weil das besser für die Hündin wäre, und dass der Züchter der Elterntiere (lustigerweise, siehe unten) geschockt sei über diesen Ratschlag, wohl deshalb, weil er die gesundheitlichen Folgen einer solchen Inzest-Verpaarung fürchten würde. In der aus dem Posting entstandenen Diskussion bezeichnet sich die Threadstarterin selbst als „sprachlos“ wegen des Ratschlags des Kollegen zum Austragen der Welpen.

 

In unseren Augen kommt da was ganz Grundsätzliches zum Ausdruck, ein tief verankertes Tabu: Die Leute wissen, dass Inzest keine gute Idee ist, bei Mensch und Tier gleichermaßen, und dass sich aus Inzest-Verpaarungen schwere gesundheitliche Nachteile ergeben können. Andererseits schreibt einer der Diskussionsteilnehmer: „Ich lese hier so eine Empörung! Willkommen in der Realität!“ und deutet damit etwas an, was wohl sehr, sehr vielen Haustierbesitzer:innen tatsächlich gar nicht klar ist, nämlich dass die Mehrzahl der Rassehunde (und natürlich Rassekatzen!) einen Inzucht-Koeffizienten aufweist, der schon lange (und in den meisten Fällen rettungslos!) jenseits von Gut und Böse ist.

 

Was ist das, der Inzucht-Koeffizient? Wer es ganz genau wissen will, kann den Begriff ja auf Wikipedia eingeben. Im Rahmen dieses Artikels können wir uns darauf beschränken, dass dieser Koeffizient - ausgedrückt in Prozent - angibt, wie viel Inzucht in den Nachkommen einer bestimmten Verpaarung steckt. Verpaart man Vollgeschwister oder ein Elternteil mit einem seiner Kinder, ergibt sich ein Inzucht-Koeffizient von 25 Prozent. Bei einer Verpaarung, wie wir sie hier diskutieren, also von Halbgeschwistern, beträgt der Inzucht-Koeffizient 12,5 Prozent.

 

Aus der Nutztierzucht, wo es schlicht um Leistung (Milchleistung, Legeleistung, Fleischansatz, etc.) geht, wissen wir, dass hohe Inzucht-Koeffizienten unmittelbar zur Leistungsminderung und zu anderen Problemen führen. Bei Nutztieren wird unseres Wissens sehr darauf geachtet, im Bereich von fünf Prozent zu bleiben bzw. auf keinen Fall über zehn Prozent zu rutschen, einfach deshalb, weil sonst die Gefahr besteht, dass der Schuss nach hinten losgeht.

 

Und jetzt kommen wir zu der oben erwähnten Realität, die durch die Propaganda der Rassehundezucht völlig (wirklich völlig!) und natürlich vorsätzlich unterschlagen wird: Auf der einen Seite empfinden wir eine Halbgeschwister-Verpaarung mit einem Inzucht-Koeffizienten von 12.5 Prozent berechtigterweise als bedenklich, auf der anderen Seite steht die Tatsache, dass es inzwischen nur noch ganz, ganz wenige Hunderassen gibt, bei denen beliebige Einzelexemplare einen genetischen Koeffizienten von weniger als 12,5 Prozent aufweisen. Die überwältigende Mehrheit der Hunderassen reißt diese Latte locker, und es gibt bestürzenderweise eine wirklich lange Liste von Rassen, die einen Inzucht-Koeffizienten von über 25 Prozent mit sich rumschleppen, also den einer Vollgeschwister- oder Eltern-Kind-Verpaarung. Die absolute Spitzengruppe liegt sogar nahe oder über 50 Prozent, also dem Koeffizienten, der der Verpaarung von eineiigen Zwillingen entspricht. Um das nochmal ganz klar auszudrücken: Bei zum Beispiel Bullterriern, Basenjis oder Collies sind beliebige, rein zufällig ausgewählte Rassevertreter rein statistisch und genetisch annähernd so identisch wie die Nachkommen der extremst vorstellbaren Inzest-Verpaarung, der von eineiigen Zwillingen.

 

Die von Sarah Boyd und dem Club für Britische Hütehunde ins Leben gerufene Kampagne „Mein gesunder Rassehund“ trötet nach wie vor munter den Slogan „Kontrollierte Rassehundezucht ist keine Qualzucht“ in die Welt, unter völliger Unterschlagung der Tatsache, dass die Züchter der allermeisten Hunderassen ständig mit Inzucht-Koeffizienten in der Nähe von oder sogar über 25 Prozent arbeiten, also auf dem Level einer Vollgeschwister-Verpaarung, einem Ausmaß an Inzest, wie er bei den altägyptischen Pharaonendynastien mit den bekannten Folgen üblich war. Um nach dem Vergleich mit der Nutztierzucht weiter oben noch einen weiteren Kontrast herzustellen: Pickt man sich irgendwelche beliebigen Menschen aus Deutschland raus, muss man mit einem durchschnittlichen Inzucht-Koeffizienten von gerade mal drei Prozent rechnen.

 

Es ist schon seltsam! Uns Normalbürgern, die wir eigentlich nur eines wollen, nämlich genetisch gesunde Haustiere, mit denen wir eine möglichst lange Zeitspanne verbringen können, ohne dass sie von zuchtbedingten Erkrankungen gequält oder viel zu früh hingerafft werden, ist sonnenklar, dass eine Halbgeschwister-Verpaarung (wir erinnern uns: 12,5 Prozent) nicht gut, nicht wünschenswert sein kann. Die Nutztierzucht vermeidet aus gutem Grund Inzucht-Koeffizienten von über 10 Prozent wie der Teufel das Weihwasser. Die „Profis“ (Anführungszeichen!) aber, die Züchter:innen, die nach eigener Aussage „kontrollierte Rassehundezucht“ betreiben, die keine Qualzucht sein will, jonglieren in überwältigender Mehrzahl ständig und in aller Verschwiegenheit mit Inzucht-Koeffizienten von 25, 30, 40, 50 Prozent, meinen ernsthaft und in grenzenloser Vermessenheit, dass sie die Lage im Griff hätten, und wundern sich gleichzeitig scheinheilig über nicht mehr kontrollierbare Phänomene wie zum Beispiel die DCM (Dilatative Kardiomyopathie) beim Dobermann oder die Syringomyelie beim Cavalier King Charles, die ganze Rassen ins Verderben stürzen.

 

Das ist genau das, was die Menschen meinen, wenn sie sagen oder schreiben, dass Rassehunde „überzüchtet“ wären. Diese Aussage ist tatsächlich zutreffend. Für die meisten Rassen kann man getrost behaupten, dass das alles nur noch ein im eigenen Saft vor sich hin brodelnder Inzest-Eintopf ist. Allerdings führt langes Schmoren bei einem sachkundig zusammengestellten Eintopf häufig zu mehr Wohlgeschmack. In der Tierzucht kann das Endergebnis eigentlich nur der Untergang der betreffenden Rasse sein.

 

Fazit bzw. Take-Home-Message: In unseren Augen ist die Rassehundezucht mit geschlossenen Zuchtbüchern ein mausetoter Gaul, auf den zwar alle noch eifrig einprügeln, der aber nun mal nicht mehr auf die Füße kommen wird. Wenn Sie die Anschaffung eines Rassehundes planen, sollten Sie einen ganz genauen Blick auf die beigefügte Grafik werfen bzw. sich ganz allgemein über den durchschnittlichen Inzucht-Koeffizienten Ihrer Wunschrasse informieren. Wer sich dann noch (nur als willkürliche Beispiele aus der traurigen Spitzengruppe) einen Berner Sennenhund, einen Bullterrier, einen Cavalier King Charles, einen Dobermann, einen Airedale Terrier holt, sollte sich später nicht wundern, wenn er in den nächsten Jahren einen erklecklichen Teil seines Einkommens in der Tierarztpraxis liegen lässt und sich insgesamt in seinen Erwartungen bezüglich Gesundheit, Verhaltensfestigkeit und Lebensspanne seines Hundes extrem getäuscht sieht.

 

Zur besseren Verständlichkeit der Grafik: Die grüne Linie repräsentiert einen Inzucht-Koeffizienten von 6,25 Prozent, der bei der Verpaarung von Cousins ersten Grades entsteht, die gelbe Linie einen Koeffizienten von 12,5 Prozent (Verpaarung von Halbgeschwistern), die rote Linie einen Koeffizienten von 25 Prozent (Verpaarung von Vollgeschwistern) und die schwarze Linie den Koeffizienten des Cavalier King Charles Spaniels (ca. 40 Prozent).

 

Quelle: Bannasch et al 2021. The effect of inbreeding, body size and morphology on health in dog breeds. Canine Medicine and Genetics 8:12. ​https://doi.org/10.1186/s40575-021-00111-4.

 

Nachträgliches Edit aufgrund der entstandenen Diskussion: In dem Artikel geht es um den genetischen Inzuchtkoeffizienten und nicht um den berechneten IK über ein paar wenige Generationen des Stammbaumes. Letzterer ist nämlich nichts anderes als Augenwischerei!

 

Bleiben Sie uns gewogen, bis bald,

 

Ihr Ralph Rückert, Ihre Johanne Bernick

 

© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Römerstraße 71, 89077 Ulm

 

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